Zum Arbeitstitel Automotif

von Timo Menke

Der Name des Portals setzt sich zusammen aus Auto~, wie in Automobil oder Autofokus, und ~motif wie in Motiv oder Motivation. Die Bezeichnung AUTO ist aus dem griechischen αὐτό~, autó~ – selbst~ abgeleitet und wird oft mit anderen Begriffen kombiniert, deren Bedeutung sich oft mit dem des Automatischen und Selbsttätigen deckt. Das Wort Auto als Kürzel für Automobil zielt auf ein motorisch (selbst)bewegtes Fahrzeug. Der relativ neue Begriff «Automotive» ist ein Oberbegriff für alle Fahrzeuge, egal ob spurgeführt oder nicht, die von Kraftmaschinen angetrieben werden.

Das MOTIV (franz. motif: Beweggrund, Antrieb; mlat. motivum, lat. movere: bewegen, motus: Bewegung) in der Literatur ist, der Malerei und der Musik entlehnt, ein erzählerischer Baustein. In der Psychologie wird das Motiv als eine relativ stabile Persönlichkeitseigenschaft bezeichnet und ist vom Begriff der Motivation zu unterscheiden, die als variable, zu einem bestimmten Zeitpunkt bestehende Handlungsbereitschaft definiert ist.

In den Filmen spielt das Auto als Objekt eine doppelte Rolle, es wird fleißig gefahren und gefilmt. Durch die „laufenden Bilder“ hindurch bleibt man in Bewegung, auf Reisen von Motiv zu Motiv. Wie ein Kino auf Rädern, wie ein umgekehrtes Autokino, wie ein Amateur-Road-Movie bewegen sich die Filme wie von selbst durch ein vergangenes Deutschland. Auf der Suche nach den Motiven des Filmers, nach den Orten und Wegen einerseits, und den Absichten und Ansichten des Filmers andererseits, erscheint das eigene Leben und die Familie selbst als wichtigstes Motiv für den anonymen Filmer. Er sieht sich selbst im Spiegel seiner Filme.

Automotif als Prototyp für ein Archiv (und Chronik darüber)

von Timo Menke

Bei diesem Projekt geht es um Geschichtsschreibung in Sinne eines forschenden künstlerischen Ansatzes, um Recherche und Beschreibung geschichtlich nachweisbarer Artefakte und Abläufe einerseits, und das Schreiben über und von Geschichte als narratives Darstellen  andererseits. Mit Geschichtsschreibung als Begriff und Prozess wird hier also in einem doppelten Sinn sowohl historiographisch, als auch narrativ gearbeitet, er setzt sich zusammen aus Ge-fundenem und Er-fundenem. Auch die fortwährend andauernde Beschreibung und Entwicklung dieses Portals ist Gegenstand der doppelten Geschichtsschreibung. Auf dieser Meta-Ebene zumindest gilt, dass sich Geschichte selbst schreibt.

Als Soziale Software und wachsender Katalog von Einträgen soll es, ähnlich wie Wikis und Blogs, verschiedenen Autoren ermöglichen, online, kollaborativ und transparent, an einer Geschichtsschreibung zu arbeiten, die zur Erstellung eines oder mehrerer Szenarien führt: mögliche Geschichten der gefundenen Filmrollen. Eine Verknüpfung mit anderen alternativen, multiplen oder polyphonen Szenarien kann nicht ausgeschlossen werden und ist geradezu erwünscht.

Vorgeschichte
Gegenstand der Untersuchung sind ein paar gefundene alte deutsche Schmalfilme aus unbekanntem privatem Nachlass, die film- und zeitgeschichtlich mit Hilfe von Filmanalyse und Szenenprotokoll untersucht werden. Um diese Filme herum entsteht an dieser Stelle eine Arbeitsplattform in Form eines offenen digitalen Medienarchivs, das sich unter Mitwirkung anderer Personen, Ressourcen und Prozesse selbst organisiert und weiterentwickelt. Automotif als Prototyp für eine Geschichtsdatenbank ist daher von Natur aus ein kontinuierliches Projekt.

Methode
Die Arbeit und ihre Methoden sind in ihrer Struktur angelehnt an fiktionale wie faktenorientierte Formen der Untersuchung wie z.B. Drehbuch, Tagebuch, Logbuch, Chronik, Enzyklopädie, Recherche oder Journal. Dazu gehören konkrete Techniken wie Filmanalyse und Szenenprotokoll, und metaphorische Schnittstellen wie Schreibtisch und Schneidetisch, um eine integrierte textbasierte wie audiovisuelle Form der Geschichtsschreibung zu erreichen. Es handelt sich hier um einenumgekehrten bzw. reversalen Arbeitsprozess, verglichen mit einer normalen Film-/Textproduktion: Das Drehbuch zu den Filmen, Regieanweisungen, Daten zu Person und Objekt, Zeit und Ort werden posthum aus den gefundenen Filmen erforscht und erstellt. Ähnlichkeiten mit anderen Untersuchungsformen wie Schatzsuche, Ausgrabung, Fahndung, Verhör und Ahnenforschung sind gewollt und sollen entsprechend verarbeitet werden.

Ziel
1. Automotif als Modell und Methode für ein Archiv (und Chronik darüber)

Das Portal Automotif kann als Teil einer sich daraus speisenden und mit ihr überschneidenden Filmarbeit betrachtet werden, in der wiederum die invertierte Filmproduktion eine Mikro-Teilmenge der übergreifenden Datenbank verwertet. Der digitale Schreibtisch/Schneidetisch Automotif funktioniert dabei als metaphorische wie konkrete Schnittstelle.

2. Film im Film: Die Geschichte eines deutsch-deutschen Films

Die alten Filme und der neue, noch zu entstehende Film zu diesen, sind ineinander verschachtelt und miteinander verknüpft. Der eine Film wird aus dem anderen herausgearbeitet und besteht aus folgenden Elementen: eine mögliche Geschichte der gefundenen Filmrollen, eine Geschichte des Amateurfilms in Deutschland, ein potentielles Profil des anonymen Filmers, sowie der Familie, ihr Spielraum und Aktionsradius in Raum und Zeit. Dreh- und Angelpunkt der Geschichte dieser filmischen Untersuchung ist die Figur/Person des Filmers und seiner anderen Rollen: Der Fahrer des Autos, Der Familienvater, Der Vorführer der Filme im Heimkino, Der nackte Verführer mit männlichem Kamerablick.

Gemeinsam für die textbasierte wie die filmische Untersuchung ist das Interesse für die verschiedenen Ebenen des Narrativen wie sie im Showing und Telling auftreten (Diegesis als Erzählen  und Mimesis als Zeigen , davon abgeleitet Diegese als das innerhalb und außerhalb einer Geschichte ). Die Filme als kausales zeiträumliches visuelles System bilden den historischen Raum, den wieder erkennbaren Rahmen einer bewohnten Welt, wie wir sie nach dem Modell der sozialen wirklichen Welt kennen.

Kommentar
Zwei konträre Auffassungen von Geschichte und Geschichtsschreibung stehen hier in Dialog miteinander, bzw. begegnen sich in Duell oder Duett: Ursprünglich entstand die Idee zu meinem Film unter dem Paradigma einer „Great Man Theory“, in der die Arbeit eines einzelnen und allwissenden Storytellers, der als Pionier, Vorkämpfer und Visionär «Neue Geschichte» schreibt, im Vordergrund steht. Im Gegensatz dazu steht die Auffassung, dass «Geschichte» überhaupt unabhängig von einem Künstler/Wissenschaftler existiert und das historische Beweismaterial a priori ein parteiisches Dokument ist. Nicht die Ergebnisse selbst, sondern auch und gerade die Mechanismen, die zu den Geschichten führen, sind Forschungs- und Gestaltungsgegenstand.

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On the working title Automotif

By Timo Menke

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