Geschichten eines deutsch-deutschen Films

von Timo Menke

Ein dokumentarisches Filmprojekt auf den Spuren eines anonymen Amateurfilmers zwischen Krimi und Schatzsuche, Ausgrabung und Ahnenforschung von Timo Menke. Das Drehbuch zum Film zwischen Album und Archiv, Auteur und Amateur, Fiktion und Dokument. Eine doppelte schwarz-weiße, stumme und schmale Geschichte.

Hintergrund
Das hier präsentierte Projekt ist als filmische Feldstudie zu verstehen. In dessen Mittelpunkt stehen vier Normal-8-Filmspulen, die ich im Jahr 2000 in Berlin in einem Secondhand-Laden fand. Die privaten Schmalfilme oder Amateurfilme enthalten teilweise sehr originelle Momente aus dem Leben einer mir unbekannten Familie auf Reisen durch Deutschland (in Berlin und Umgebung, Ost oder West) vermutlich nach dem Krieg. Das Material ist größtenteils auf schwarz-weiß und ohne Ton gedreht. Zeit und Drehort sowie alle personenspezifischen Angaben sind unklar und sollen innerhalb der Feldstudie „vor Ort“ in Deutschland untersucht und erforscht werden. Die umgekehrte Prämisse für diese Feldstudie lautet: Ich habe den Schatz gefunden – jetzt suche ich nach der Schatzkarte. Oder: Der Film ist fertig – jetzt schreibe ich das Drehbuch.

Idee und Ziel
Das Hauptanliegen dieses Filmprojekts ist es, persönliche Geschichten aus der Geschichte dieser Filmrollen zu gewinnen. Ich bewege mich dabei im Spannungsfeld zwischen privat und öffentlich, Album und Archiv, in der Rolle des Anthropologen, Detektivs und Ahnenforschers. Unabhängig von den Fertigkeiten oder Absichten des Filmers, von seinen begrenzten Mitteln oder unbewussten Fehlern, betrachte ich die gefundenen Filmrollen aus zweierlei Sicht: Als filmisches Werk einerseits und als historisches Dokument andererseits. Als Werk des Amateurfilmers erzählen die Filme von einer Familie auf Reisen. Das Geschehen ist zeitecht und inszeniert sich selbst quasi erst durch diesen Kamerablick. Als Dokument betrachtet stellen die Filmrollen ein wertvolles Zeitzeugnis und historisches Fundstück dar. In ihnen wird eine Zeit vor der Teilung Deutschlands sichtbar, in der sich Menschen frei bewegen, begegnen und besuchen konnten. Die große Geschichte spiegelt sich in der kleinen Geschichte. Der Amateurfilmer erzählt so von seiner Zeit mit einem Blick, in dem sich Geschichte durch das Amateurfilmauge selbst betrachtet: Als Auteur in eigener Sache und als Zeitzeuge deutsch-deutscher Geschichte.

Mein Interesse gilt der Spurensuche und nahezu detektivischen Recherche, sowohl „vor Ort“ als auch „im Bild“. Was erzählen diese Filme als Dokumente ihrer Zeit, was erzählen sie über die Menschen, die in ihnen als Zeitzeugen weiterleben? Daraus entsteht eine Reise in die Vergangenheit: Die Ausgrabung einer verstorbenen Familie, eines verschwundenen Volkes, die Erstellung einer Karte über einen versunkenen Kontinent. Doch ebenso wichtig ist mir die genaue Sichtung der Filme, das Aufspüren des Blickes hinter dem sich ein unsichtbares Drehbuch verbirgt. Beide Sichtweisen ergänzen sich in einer erweiterten Geschichtsschreibung.

Durchführung Schritt für Schritt, Schnitt für Schnitt
Im Rahmen einer ersten Feldstudie habe ich im Sommer 2003 mit der Recherche in Berlin begonnen und Fakten, Indizien und „Beweise“ in Form von Interviews mit Experten, Forschern und Augenzeugen gesammelt und aufgenommen. Spätere Nachforschungen führten mich in die Nähe der übrigen Drehorte (Ostseeküste, Berlin und Elbsandsteingebirge, etc.). Sich auf „historischem Boden“ zu bewegen ist ein substantieller Faktor der filmischen Recherche, die selbst Teil des Films wird. Die Suche nach dem Amateurfilmer und seinen Motiven, die Reise in seinen Spuren auf der Suche nach den „Tatorten“ durch Deutschland, das Sammeln von Indizien und Beweisen, alles Aufspüren und Ausgraben von Fakten, die womöglich neue Fragen aufwerfen, die Auswertung der Funde, wird, wo es interessant und relevant ist, in den Film integriert. Das gilt selbstverständlich auch für alle Zeugenaussagen und Interviews, Telefonate, Gespräche und Konversationen anderer Art. Die Geschichte dieses Films entsteht somit auf allen Erzähl- und Schaffensebenen.

Die konkrete Arbeit mit der Recherche gliedert sich wie folgt:
WER – Identifikation (falls möglich) bzw. Charakterisierung der Personen (Täter/Opfer/Zeugen) und deren Verhältnis zueinander durch Attribute, Verhalten, Bewegungen, Mimik, etc.
WO – (Tatort/Drehort) Lokalisierung der Orte und der zugehörigen Wegstrecken.
WANN – (Tatzeit/Drehzeit) Zeitbestimmung der Szenen und Handlungen (Jahr, Jahreszeit, Monat, Tag, Uhrzeit?)
WAS – (Motive/Alibis/Beweise/Indizien/Hinweise) Sammlung von Fakten und Expertenkenntnissen zur Komplettierung des Bildes, um alle Puzzle-Teile in einen gesellschaftlichen, kulturellen und geschichtlichen Kontext einzuordnen: Artbestimmung einer politischen Rasse, einer kulturellen Insel, eines vergessenen Volkes.
WIE – Formelle, strukturelle und ästhetische Analyse der Perspektive, des Kameraauges, des männlichen Amateurfilmerblickes. Wie Geschichte und Kultur sich selbst betrachten.

Kommentar
Die formellen Ähnlichkeiten des Projektes mit Krimi und Ahnenforschung, die Suche nach der „verschwundenen Familie“ oder dem „Mörder“ spiegelt auch mein Verhältnis zu Deutschland als Heimat – gleichzeitig wohlbekannt und fremd, fast wie ein anderer Kontinent nach 20 Jahren Aufenthalt in Schweden. Das strategische „Nachhause-Kommen“ als Tourist im eigenen Land ist eine direkte Weiterentwicklung und Vertiefung früherer autobiographisch geprägter Video-Arbeiten. Gleichzeitig ist es eine Hommage und Liebeserklärung an den Amateurfilm.

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On the working title Automotif

By Timo Menke

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